Autorin werden #2: Für mich schreiben oder veröffentlichen?

Inhalt

Als mir im Februar 2017 zum ersten Mal die Idee zu meiner Portal Fantasy-Trilogie rund um die Sternenstadt Toria kam, dachte ich: Yeah, weißt du was? Du schreibst jetzt ein Buch und dann landet das in der Buchhandlung, wie cool ist das denn?.

Die Ernüchterung war auch nur ein paar YouTube-Videos über die Buchbranche entfernt. Und spätestens als ich die ersten Anläufe im Schreiben hinter mir hatte, wusste ich: Okay, zum Schreiben gehört schon Einiges dazu. Man muss die 400 Buchseiten ja auch mit Wörtern füllen. Aber die eigentliche Schwerstarbeit kommt erst danach. Eine Agentur finden, einen Verlag finden, Pressearbeit und mein persönliches Hasswort: Social Media.

Die sozialen Netzwerke waren mir schon immer ein Dorn im Auge und ich habe mir bis zum letzten Drücker Zeit gelassen, um mir einen Autorinnen-Instagram-Account zuzulegen. Ich konnte einfach nicht früher, meine mentale Gesundheit und meine Angst haben es nicht zugelassen. 

Wenn man den ganzen Schreib- und Marketing-Profis im Internet Glauben schenkt, habe ich also alles falsch gemacht, was man so falsch machen kann. Trotzdem ist mein Debüt nicht untergegangen. Klar, ich kann damit noch lange nicht meinen Lebensunterhalt bestreiten. Aber hey, das Buch wurde deutlich mehr als 1000 Mal heruntergeladen und auch über zwei Jahre nach Veröffentlichung lesen manche Leute die Geschichte noch. Manchmal reicht es im Monat sogar für einen Kaffee bei Starbucks, manchmal aber auch nicht.

Diese kleine Anekdote soll dir verdeutlichen, dass ich alles andere als eine geborene Unternehmerin bin. Ich hasse es, mich selbst darzustellen und meine Errungenschaften in den Vordergrund zu rücken. Trotzdem habe ich mich dafür entschieden, Bücher zu veröffentlichen und nicht nur für mich und die Schublade zu schreiben.

Mein Warum erfährst du genau jetzt:

Vorteile vom Veröffentlichen 

Geschichte und Schreibhandwerk profitieren

Sind wir mal ehrlich. Würden wir das Buch wirklich zu Ende schreiben, wenn wir es sowieso nicht veröffentlichen wollen? Oder käme uns zwischendurch eine neue, augenscheinlich bessere Idee in den Sinn gehüpft? Und selbst wenn du deinen ersten Entwurf beendest, würdest du die Geschichte allen Ernstes noch 100 Mal durchgehen, um die Charaktere rund zu machen und Plotholes herauszufiltern? Nur um das Manuskript, das Jahre deines Lebens in Beschlag genommen hat, in der Schublade verstauben zu lassen? Wohl eher nicht. Von einem 2.500 Euro schweren Lektorat reden wir hier noch nicht einmal.

Das bedeutet konkret, dass deine Geschichte einfach besser sein wird und auch dein Schreiben sich exponentiell verbessern wird, wenn du das Ziel hast, auch wirklich zu veröffentlichen.

 

 

To write is human, to edit is divine.

~ Stephen King

 

 

Komfortzone erweitert sich

Mittlerweile bin ich nicht nur auf Instagram, Tiktok und Pinterest vertreten, sondern habe auch meinen eigenen Blog, eine Lesung gehalten und ein Zeitungsinterview gegeben. Langsam aber sicher gewöhne ich mich an das “Rampenlicht” und daran, mich und mein Buch zu zeigen. Es ist weniger furchteinflößend, als man am Anfang vielleicht denken mag. Denn – sind wir mal ehrlich – für Autorinnen interessiert sich im Grunde sowieso niemand.

 

Du testest deine Grenzen aus und lernst dich selbst kennen

Das bedeutet nicht, dass von Anfang an bei mir marketingtechnisch alles rund gelaufen ist. Eher im Gegenteil, ich habe einfach das gepostet, was ich dachte, das von mir erwartet wird. Und das hat mich nicht nur kreativ ausgebrannt, sondern auch stark psychisch belastet, weil ich eben einfach nicht für das schnelllebige Social Media gemacht bin. Ich ertrage nur eine sehr geringe Dosis dieses ganzen Wahnsinns am Tag und will aber trotzdem mitmischen. Deshalb habe ich meine Grenzen ausgelotet und abgesteckt. Das ging aber nur, weil ich sie ein paar Mal in den letzten Jahren deutlich überschritten habe und mich jetzt zum Glück besser kenne und auch akzeptiere, dass ich nicht so viel leisten kann wie meine Kolleginnen.

 

Du lernst, mit Absagen umzugehen

Für nichts gibt es eine 100 prozentige Sicherheit, aber ich würde mich wohl nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, wenn ich sage, dass du zu 99,99% einen Haufen Absagen von Verlagen und Agenturen kassieren wirst, bevor du vielleicht einmal Glück hast.

Wir denken am Anfang immer, dass wir besser sind als die anderen. Dass unsere Idee so gut ist, dass sie nicht ausgeschlagen werden kann, auch ich habe zeitweise so gedacht. Aber das ist nur die unwissende Stimme der Anfängerin in dir. Dein Manuskript wird abgelehnt werden und du wirst lernen, damit umzugehen.


Geduld wird geschult

Was du noch trainieren wirst, wenn du ein Buch veröffentlichungsreif machst, ist Geduld. Es kursieren viele dieser “Schreib ein Buch in 30 Tagen”-Videos, aber dabei geht es häufig nur um den ersten Entwurf. Ich will nicht zynisch klingen, es ist toll, eine Rohfassung in einem Monat schreiben zu können. Aber ob du das als Debütantin auch machen solltest, nur um deine Sucht nach sofortiger Belohnung zu befriedigen, ist fraglich. 

Wenn du auf krasse Challenges stehst, in denen wirklich in 30 Tagen ein Buch veröffentlichungsreif gemacht wurde, dann schau mal bei Jacky Vellguth und ihrem 12-in-12 Projekt vorbei. Was sie geleistet hat, ist auf jeden Fall beeindruckend.

Grundsätzlich gilt aber, dass ein erster Entwurf nicht veröffentlichungsreif ist. Der erste Entwurf eines Debüts gleich dreimal nicht. Und das ist auch vollkommen okay. Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich meine ersten Schreibversuche nicht veröffentlicht habe. Zum Glück war ich realistisch genug, um zu erkennen, dass ich da einen Haufen BS fabriziert hatte.

 

Pro Tipp: 

Wenn ich wieder einmal Ungeduld in mir aufkommen spüre, sage ich mir einfach folgendes Mantra (Es ist ein Zitat von Professor Lupin aus dem Film “Harry Potter und der Gefangene von Askaban”):

“Aber du musst noch eine Minute warten”

Und dann warte ich noch eine und noch eine, bis es soweit ist und das Buch fertig ist.

 

Vorteile vom privaten Schreiben

Quantität produziert Qualität

Dieser Grundsatz gilt für viele kreative Prozesse. Wer viel schreibt, wird irgendwann etwas Gutes schreiben. Wer viel malt, wird irgendwann ein tolles Bild malen. Der Rest gehört in die Tonne oder eben in deine Schublade. Manchmal sind unsere Skills einfach noch nicht ausgereift genug für eine gewisse Geschichte und wir scheitern auf halbem Weg. Aber dann kramen wir die Seiten Jahre später wieder hervor und stellen fest, dass uns die Idee immer noch fasziniert und wir jetzt einen neuen Versuch starten können. Für mich hat es sieben Jahre und unzählige Anläufe und Fehlschläge gebraucht, bis ich in der Lage war, ein Fantasybuch mit vielen Plottwists zu schreiben.

Manche Stoffe sind zu nah an dir dran

Ich habe erst nach Beenden von Tales of Toria 1 festgestellt, was die Themen, über die ich geschrieben habe, eigentlich emotional mit mir gemacht haben.

Es ist einfach nicht möglich, ein Buch komplett losgelöst von der eigenen Gefühlswelt und vom eigenen Erfahrungsschatz zu schreiben. Wie soll das auch gehen? Du bist schließlich die Autorin. Aber es gilt einen Mittelweg zu finden, zwischen “ich schütte mein ganzes Herz ungefiltert in die Geschichte hinein” und “ich verpacke meine Erfahrungen so, dass sie unkenntlich für diejenigen sind, die mir nicht nahe stehen.”

Dir muss klar sein, dass Menschen über deinen Text urteilen werden, sobald er das Licht der Welt erblickt. Schon deine Familie und Freunde werden eine Meinung haben und häufig wird diese anders ausfallen als erwartet, weil auch sie ihre eigenen Erfahrungen und Wünsche auf deinen Text projizieren.

Wenn du irgendwann merkst, dass deine Geschichte zu viele Gefühle aufwühlt, dann ist momentan vielleicht (noch) nicht der richtige Zeitpunkt, um sie in die harte Welt zu entlassen. Nutze den Text als eine Art Selbstreflektion und lerne dich besser kennen. Heile vielleicht sogar ein wenig dabei. Das Schreiben von Geschichten ist perfekt dafür geeignet, seine eigenen Probleme auf die Schultern einer Figur zu laden, um sie dann mit Sicherheitsabstand betrachten zu können.

Nachteile vom Veröffentlichen

Hohe Kosten (im Selfpublishing)

Die Sache mit dem qualitativ hochwertigen Text hatten wir ja schon. Und dazu gehört nicht nur ein professionelles Lektorat, sondern auch ein Korrektorat und Testlese-Runden. Wenn du mit Verlagsbüchern mithalten willst, MUSST du alles davon durchziehen. Es führt kein Weg daran vorbei. Außerdem brauchst du natürlich dein wichtigstes Marketing-Instrument: ein ansprechendes, hochwertiges Cover. Ob du dann auch noch Lesezeichen drucken lassen willst, Geld für Illustrationen ausgibst oder dir ein eigenes Logo designen lässt, ist optional. Aber glaub mir, du willst das ab einem gewissen Punkt.

Alles in allem hat mich meine erste Veröffentlichung 3.700 Euro gekostet und ich habe mich “nur” für ein vergleichsweise günstiges Premade-Cover entschieden, weil mir der Inhalt des Buches wichtiger war. Im Nachhinein bereue ich es ein wenig, nicht auch noch das Geld für ein Custom Cover ausgegeben zu haben, denn schließlich ist es mein allererstes Buchbaby. Aber der Vorteil im Selfpublishing ist, dass sich das Cover bei Bedarf ja mit einem Klick ändern lässt. 😉

Entweder bist du also das Kind reicher Eltern und musst dir um Geld keine Sorgen machen oder du sparst eben.

Zeiteinsatz (bei Agentur- und Verlagssuche)

Eine weitere Möglichkeit, dein Debüt an den Mann und die Frau zu bringen, sind Verlage. Wenn du dich für den traditionellen Veröffentlichungsweg entscheidest, hast du initial keine Kosten. Lektorat, Korrektorat, Cover…all das macht der Verlag für dich.

(Von sog. Druckkostenzuschussverlagen rede ich hier im Übrigen nicht. Solche Verlage verlangen Geld von dir für die Veröffentlichung und die Seriosität eines solchen Angebots ist anzuzweifeln.)

Du hast mit einem Verlag zwar kein finanzielles Risiko, allerdings musst du diesen natürlich erst einmal finden. Je nachdem, zu welchem Verlag du möchtest, musst du den Weg über eine Agentur gehen und dann kann es schon mal 2 – 6 Jahre dauern, bis dein Buch mit der Veröffentlichung dran ist. Die Zeit, die du mit Bewerbungen und Warten auf Antwort verbringst, nicht mit eingerechnet.

Beeinflussung durch die Marktlage

Wenn du dich für eine Veröffentlichung entscheidest, hast du im Prinzip zwei Möglichkeiten: Entweder du fügst dich der aktuellen Marktlage und schreibst ein Buch, das den Trends halbwegs entspricht oder du schreibst das, was dein Herz begehrt. Manche haben das Glück, dass beides dasselbe ist. Bei mir ist das größtenteils zum Glück auch so.

Jugendfantasy mit Magie und Portalen ist “evergreen”, was so viel bedeutet wie: das geht immer. Selbst wenn ich nicht alle aktuellen Trends bediene, z. B. viele S*xszenen (“Spice”) oder Drachen, läuft es dennoch ganz gut.

Das eigene Herzensprojekt so hinzubiegen, dass es dem Markt entspricht, kann weh tun und deshalb ist es vielleicht für ein Debüt nicht empfehlenswert. Sonst könnte es passieren, dass dir viel zu früh die Luft ausgeht, weil du eigentlich gar keine Lust auf das hast, was du da gerade schreibst.

Untergang von Nischenbüchern

Wenn du allerdings zu den ganz hartgesottenen gehörst und der Marktlage zum Trotz dein nischiges Herzensprojekt schreibst, riskierst du die Unsichtbarkeit. Mit ganz viel Geschick findest du vielleicht genau die Zielgruppe, die dein Werk lesen will, aber das erfordert eine gute Marktkenntnis und Kontakte. Wenn du über beides verfügst, könntest du Glück haben und ein Sternchen in deiner kleinen Bubble werden. Falls dir eine solche Bubble fehlt, riskierst du, zwischen all den Trendbüchern unterzugehen.

Bonus: Tipps für Social-Media-Muffel

Blockieren, blockieren, blockieren

Es gibt glücklicherweise die Blockieren-Funktion. Ich nutze sie für Personen, von denen ich weiß, dass sie meinen Content nicht gutheißen würden oder für die falschen Zwecke, z. B. Lästerstunden nutzen. Ich habe mich noch nie zurückgehalten, gewisse Kandidatinnen direkt zu blockieren und damit geht es mir auch erstaunlich gut.

Und für alle People Pleaser: Jap, du darfst das.

Du musst gar nichts

Es gibt eine Million Tipps da draußen, viele ähneln sich, andere widersprechen sich völlig. Doch die meisten schießen meiner Meinung nach über das Ziel hinaus. Letztendlich musst du dich mit deinen Social-Media-Accounts und deinem Content wohlfühlen. Und wenn der eben nicht dem neuesten heißen Trend entspricht, ja so what? Ich verspreche dir, es wird keine Content-Polizei an deiner Tür klopfen.

Finde deinen eigenen, kreativen Weg

Wenn du dein Gesicht nicht zeigen willst, finde andere kreative Wege, um ansprechende Bilder zu machen. Du hast keine Kamera? Borge dir vielleicht eine und probiere dich damit aus oder lerne, wie du das Beste aus deinem Handy herausholen kannst. Nicht alle Fotos müssen gestochen scharf und in HD sein. Auch Bilder im Retro-Stil können gut ankommen. Schau dich einfach ein wenig auf den Plattformen deiner Wahl um. Und wenn niemand deine Bilder sieht oder liked, dann Glückwunsch! Du hast die Möglichkeit, dich hoffnungslos auszutoben und deiner Kreativität freien Lauf zu lassen. Als Autorin jonglierst du zwar am liebsten mit Worten, aber ich bin mir sicher, dass du auch auf andere Arten und Weisen kreativ sein kannst und willst.

Lass die Kirche im Dorf

Wenn du plötzlich mehr Zeit damit verbringst, Bilder für Instagram zu bearbeiten als zu schreiben, sollten deine Alarmglocken anfangen zu schrillen. Meine Meinung. Ich weiß, für andere Schreibende ist es gängige Praxis, 20% des Tages zu tippen und 80% zu vermarkten, ABER: Ich persönlich möchte Autorin sein und keine Social-Media-Managerin. Egal, wie viele Leserinnen mir dadurch flöten gehen. Du hast richtig gehört. Ich sag es gerne nochmal: Ich schreibe – obwohl ich veröffentliche – hauptsächlich für mich. Und ich arbeite daran, dass sich das auch in meinem Arbeitsalltag widerspiegelt.

Diesen Artikel hier zähle ich übrigens auch zu “schreiben” und nicht zu “Marketing”, obwohl es beides ist. Genial, oder?