Tales of Toria 1 - Leseprobe

1. Februar 2003, Vollmond im Wassermann Goðafoss, Island

Wenn Reva es sich recht überlegte, war es für ihre Tochter das Beste gewesen, dass sie sie im Stich gelassen hatte. Wenn sie bei ihr geblieben wäre, hätte das ihren sicheren Tod bedeutet. Und das hätte Reva sich niemals verzeihen können. Mühsam drückte sie sich in ihrem eisigen Gefängnis auf die Beine. Vorsichtig, um zu vermeiden, dass sie wie tausende Male zuvor mit den Knien oder dem Hinterteil voran auf die vereisten Felsen schlug. Nicht, dass ihr ein solcher Sturz etwas ausgemacht hätte. Ihr Körper war deutlich resistenter als die der Menschen. Dennoch waren ihre Beine schwach nach dem jahrzehntelangen Schlaf, der hinter ihr lag. Das Gehen, der Untergrund und die klebrige Kälte an ihren nackten Füßen fühlten sich ungewohnt und zugleich so vertraut an, als wäre es nicht über 200 Jahre her, seit sie das letzte Mal wach gewesen war.

Sie umschlang ihre magere Taille mit den Armen. Ihre langen, silbernen Haare flossen wie der Wasserfall, der sie von der Außenwelt abschnitt, über ihre bleichen Schultern bis hinunter zu ihren hervorstehenden Hüftknochen. Sie sah sich um. Alles war noch wie an dem Tag vor 238 Jahren, an dem sie sich schlafen gelegt hatte. Eiszapfen, manche doppelt so dick wie sie, hingen von der Höhlendecke. Tageslicht von außen drang gedämpft durch den Wasserschleier ins Innere und tauchte ihr frostiges Gefängnis in trübes Licht.

Reva sah auf ihre Hand hinab. Der pechschwarze Ring an ihrem linken Ringfinger war aus Obsidianglas, dem seltensten aller Materialien, gefertigt und wirkte fehl am Platz. Er war zu groß für ihre knochige Hand geworden. Früher hatte er geglänzt, wenn sie ihn in die Sonne gehalten hatte. Jetzt war er eingetrübt wie Revas Erinnerung an die Person, die ihn ihr einst angesteckt hatte.

Als wäre es eine Selbstverständlichkeit, nahm Reva das Accessoire ab. Der Bann war gebrochen. Sie war frei. Wenn sie wollte, konnte sie aus der Höhle spazieren und noch einmal von vorn anfangen. Ihre Tochter war sowieso schon lange tot. Es war schließlich 250 Jahre her, seit sie sie zum letzten Mal gesehen hatte.

Während sie noch überlegte, was sie als Nächstes tun sollte, bemerkte sie, wie sich ihre Umgebung veränderte. Zunächst konnte Reva nicht einordnen, was genau sich verändert hatte, bis sie erkannte, dass der Wasserfall stillstand. Das dröhnende Rauschen des Goðafoss, des Wasserfalls der Götter, hatte sie jahrhundertelang begleitet, war ein Teil von ihr geworden und nun schmerzte es sie fast körperlich, dass es verschwunden war.

Sie wandte sich zum jetzt offenen Höhleneingang. Die meterdicke Eisschicht über ihrem Kopf gab knarrende Geräusche von sich. Sie hatte eine Vorahnung, wer dem Wasser Einhalt geboten hatte. Es gab nur einen Gott, dem die Ozeane, Flüsse und Meere gehorchten. Und dann hörte sie seine vertraute Stimme. Er rief Revas Namen und mit einem Mal fühlte es sich so an, als wäre seine Stimme nie weg gewesen. Wie ein verloren geglaubtes Detail, verschüttet im hintersten Teil des Gedächtnisses, das nur darauf wartet, im richtigen Moment zum Vorschein zu kommen. Sie fragte sich, wie sie den samtweichen Bariton seiner Stimme je hatte vergessen können.

»Reva?« Der Mann, der durch den Höhleneingang trat, war groß, breitschultrig und vollkommen nackt. Es sah Mortimer, dem Meeresgott, ähnlich, dass er es selbst nach 250 Jahren noch immer nicht lassen konnte, seinen gestählten Körper bei jeder Gelegenheit zu präsentieren. Er hatte sich schon damals geweigert anzuerkennen, dass überall sonst auf der Erde andere Gepflogenheiten herrschten als auf seiner Insel im Ägäischen Meer. Sein kaffeebraunes, krauses Haar trug er in langen Filzlocken, die ihm bis zu den Schultern reichten.

Von allen Göttern mochte Reva ihn am liebsten. Er war nur wenige Jahrhunderte älter als sie. Für die alten Götter waren sie nur Kinder. Aber die Alten verabscheuten Reva und Mortimer nicht, weil sie jung waren, sondern weil der Göttervater ihnen trotz ihrer Jugend eigene Städte mit eigenen Untertanen zugestanden hatte. Ein Privileg, von dem die anderen nur träumen konnten.

»Da bist du ja.« Mortimers rechter Mundwinkel zuckte nach oben. Ein schwacher Versuch, sich ein Lächeln abzuringen, wie Reva fand. Im Gegensatz zu Mortimer hatte sie sich in den letzten Jahrhunderten stark verändert, war abgemagert und ihre sowieso schon blasse Haut hatte die Farbe von Elfenbein angenommen.

Auch wenn der Meeresgott es versuchte, konnte er seine Verblüffung nur schlecht verbergen. In seinen goldenen Augen las Reva Sorge und einen Hauch Mitgefühl.

»Ich wache nach 238 Jahren Schlaf auf und das Erste, was ich sehen muss, ist dein …« Ihr Blick ging demonstrativ hinunter zu seinen Lenden. Wenn Mortimer sich nicht verändert hatte, würde ihn der auffällige Blick kein bisschen stören, im Gegenteil.

Als aus seinem gekünstelten Lächeln ein echtes wurde, wusste Reva, dass das Eis zwischen ihnen gebrochen war. Mortimer war noch ganz der Alte, anders als die Welt, die Reva auf der anderen Seite des Wasserfalls erwarten würde.

Reva verschränkte die Arme vor der Brust und hielt seinem schelmischen Blick stand. »… du hättest dir ruhig etwas anziehen können, wenn du hier schon ungefragt aufkreuzt«, bemerkte sie und unterdrückte ihr erleichtertes Grinsen.

»Warst du mit Silver auch so prüde?«

Bei der Erwähnung des Namens ihres verstorbenen Mannes zuckte Reva leicht zusammen. Unwillkürlich umschloss sie den Obsidianring in ihrer Hand fester.

Mortimer war ihre Reaktion offenbar nicht entgangen, denn er ruderte sofort zurück: »Das war unangebracht, tut mir leid.«

Revas Finger zitterten, als sie abwinkte. »Schon gut. Es ist lange her.«

»231 Jahre, um genau zu sein«, sagte Mortimer. Er musterte sie prüfend.

Reva wusste nicht, wer von ihnen beiden verrückt geworden war. Vielleicht war das hier auch nur ein Traum oder ein böses Missverständnis. Der Bann, den ihr Vater Kiran, der gleichzeitig der Göttervater war, auf den Ring gelegt hatte, stellte sicher, dass sie erst nach 250 Jahren Haft die Höhle wieder verlassen konnte. Zwölf ganze Jahre hatte sie hier ausgeharrt, bevor ihr Vater ihr die Gnade des Schlafes gewährt hatte. »Du musst dich irren. Vor Ablauf der 250 Jahre kann der Bann nicht gebrochen werden.« Demonstrativ hielt sie den tintenschwarzen Ring in die Höhe. »Und offensichtlich ist er gebrochen. Ich bin frei.«

Mortimer näherte sich ihr. Seine Augen huschten von links nach rechts und er drehte sich um, um den Goðafoss mit einer schnellen Handbewegung wieder zum Fallen zu bringen.

Jetzt musste er fast schreien, um das Rauschen zu übertönen. Plötzlich kam Reva das Geräusch des Wasserfalls unendlich laut vor. »Wir befinden uns im Jahr 2003. Dass ich hier bin, wissen nur dein Vater, deine Mutter und ich. Und die anderen Götter dürfen es auch unter keinen Umständen erfahren. Das würde einen Aufstand gegen deinen Vater als Vorsitzenden des Pantheons anzetteln.« Er beugte sich so nah zu ihr, dass sie den Geruch von Algen und Schlamm in seinem Haar wahrnehmen konnte. »Aber in Toria ist etwas Katastrophales passiert. Du musstest es einfach wissen.«

»Warte.« Reva hob eine Hand und trat einen Schritt zurück. Ihre Stimme klang schriller, als sie gehofft hatte. »Toria existiert noch? Nach so langer Zeit?«

Mortimer nickte langsam, sichtlich verwirrt über ihre Frage.

»Warum hat Vater die Sternenstadt nicht längst zerstört?«, fragte Reva. Nachdem sie ihre Haftstrafe angetreten hatte, war sie fest davon ausgegangen, dass ihr Vater die Stadt über den Wolken in einen Haufen Asche verwandeln würde.

Mortimer senkte den Blick. »Also, na ja. Wie soll ich das sagen?« Er kratzte sich am Kinn und wieder einmal fand Reva es beeindruckend, dass ihm seine Nacktheit nicht in Verlegenheit brachte, eine gewöhnliche Frage aber schon.

»Die Götter finden es gewissermaßen amüsant, den Torianern dabei zuzusehen, wie sie sich die Köpfe einschlagen. Es wurde zur willkommenen abendlichen Unterhaltung, sich gemeinsam das Treiben in Toria anzusehen. Sie schließen sogar Wetten darüber ab, wer als Nächstes dran glauben wird.«

Reva starrte ihn entsetzt an. Sie konnte sich bildlich vorstellen, wie Lewis und Giulia, Gott des Krieges und Göttin der Liebe, gemeinsam am Tisch saßen, vor ihnen zwei überdimensionale Weingläser, und sie wetteten, welcher von Revas Untertanen als Nächstes elendig zugrunde gehen würde. Im Laufe des Abends würde der Rock von Giulias karminrotem Seidenkleid immer weiter nach oben rutschen, bis irgendwann für Lewis nicht mehr Toria, sondern nur noch der Schoß der Liebesgöttin von Bedeutung war. Das Leid in Toria war ihnen egal, genau wie Revas Schicksal ihnen egal war. Sie hatten sie noch nie als vollwertiges Mitglied des Pantheons angesehen, so wie sie es bei Mortimer taten. Ein Meeresgott war schließlich nichts Ungewöhnliches, eine Göttin der Sterne dagegen schon.

Am liebsten hätte Reva geschrien. Doch sie beherrschte sich und presste stattdessen ihre Fingernägel in ihre Handflächen. Sie atmete einmal durch. Ihre nächste Frage kam ihr kaum über die Lippen. »Was ist mit den Sastaja? Gibt es den Orden der Sternenjäger noch?« Innerlich machte sie sich schon auf die Nachricht gefasst, dass alles, wofür sie je gelebt hatte, nicht mehr existierte. Die Sternenstadt über den Wolken hatte überlebt. Gerade so. Aber auch sie war nach all den Jahren sicher nur noch ein Schatten ihres früheren Selbst. Eine billige Version der prunkvollen, prächtigen Metropole, die Reva mit ihren eigenen Händen errichtet hatte. Bevor sie sich in einen ihrer Krieger verliebt und ein halbgöttliches Kind in die Welt gesetzt hatte. Bevor sie ihr Lebenswerk in einer Nacht zerstört hatte.

Sie verdrängte den Gedanken an Silver und ihre Tochter und konzentrierte sich wieder ganz auf Mortimer.

»Auch die Sastaja gibt es noch. Genau deswegen bin ich hier. Denn wenn wir nicht schnellstens handeln, wird sich das bald ändern.«

Wieder sah er über seine Schulter. »Eine Zeit lang sah es so aus, als ob der Krieg in Toria endlich beendet wäre, als ob in Zukunft alles gut werden würde. Aber vor zwei Jahren gab es eine Rebellion gegen das torianische Königshaus.« Mortimer schluckte und sein Adamsapfel hüpfte dabei auf und ab.

»Eine Rebellion? Von wem?«, fragte Reva. Ihr fiel niemand ein, der eine Rebellion anzetteln würde. Zumindest war es keiner der anderen Götter gewesen. Aber sie kannte keinen einzigen ihrer Untertanen mehr beim Namen. Es waren alles Kinder und Kindeskinder derjenigen, denen sie vor über zwei Jahrhunderten magische Fähigkeiten geschenkt hatte. Es würde eine ganze Weile dauern, bis sie sich in Toria wieder zurechtfände.

»Ein schmieriger Typ namens Baldwin Amburgy. Aber er hat Grips. Hat hunderte von Kriegern hinter sich stehen. Und seine Absichten sind nicht gerade nobel. Alles, was er will, ist Macht. Um jeden Preis. Und dafür geht er über Leichen. Viele Leichen. Wenn ihn niemand aufhält, wird er die Sastaja systematisch ausrotten.«

Reva überlegte. Wenn dieser Baldwin so viele Anhänger hatte, dann musste er doch auch gute Seiten haben. Und über Leichen zu gehen war für einen Herrscher nicht ungewöhnlich. Auch die Götter nutzten die Hinrichtung von Zeit zu Zeit als legitimes Mittel, um sich unerwünschter Menschen zu entledigen. Oder unerwünschter Sastaja. Silvers Gesicht blitzte vor ihrem inneren Auge auf. Am liebsten hätte sie auf der Stelle angefangen zu weinen. »Wenn ich ehrlich bin, klingt das für mich wie ein gewöhnlicher Herrscher. Wenn auch ein sehr brutaler. Aber das sind doch die meisten von ihnen, oder?«, warf Reva ein.

»Es gibt noch ein anderes Problem in Toria. Und das ist das eigentliche Problem. Baldwin kümmert sich aber nicht darum, weil er es nicht kann.«

Reva hob eine Braue.

»In der Nacht der Rebellion hat die ehemalige Königin die letzte Phiole mit göttlichem Blut aus Toria auf die Erde geschmuggelt. Seitdem sind die Portale zur Erde geschlossen und die Sastaja sind in der Sternenstadt gefangen. Die Magie nimmt stetig ab. Anfangs war es kaum wahrnehmbar, aber langsam merken die Torianer, dass etwas nicht stimmt. Ganze Landstriche werden vertrocknen. Die Tiere im Wald werden sterben, weil sie nichts mehr zu Fressen finden. Und Baldwin unternimmt nichts dagegen.«

»Und die anderen Götter machen sich einen Spaß daraus, dabei zuzusehen, wie die Torianer nach und nach verhungern?«, fragte Reva leise. Sie fragte sich, was die alten Götter dazu gebracht hatte, so zynisch und verbittert zu werden, dass sie sich am Leid der Torianer ergötzen mussten. Waren es ihr ewiges Leben und die Aussicht auf nie endende Langeweile? Oder waren sie von Natur aus grausam und ohne jegliche Empathie für Wesen, die weniger machtvoll als sie selbst waren?

»Für Kiran ist Toria nicht nur reine Unterhaltung. Er glaubt daran, dass du deine Stadt noch retten kannst. Er will dir eine zweite Chance geben. Schaffst du es, Toria und die Sastaja zu retten, so darf der Orden weiter bestehen und der Rest deiner Haftstrafe wird dir erlassen.«

Revas Gedanken rasten. Freude darüber, dass ihr Vater noch an sie glaubte, loderte in ihrer Brust auf, zeitgleich mit einer unbändigen Angst davor, ihn ein zweites Mal zu enttäuschen und ihre Stadt endgültig in den Ruin zu treiben. Sie wusste, dass auch ihr Vater damals gegen die Hinrichtung von Silver gewesen war. Doch die anderen Götter hatten ihn überstimmt und dagegen hatte selbst der Göttervater keine Chance.

Sie musste es versuchen. Musste Toria retten. Und alles, was sie und Silver gemeinsam aufgebaut hatten. »Was, wenn ich es nicht schaffe?«, fragte sie.

»Dann wird Kiran Toria vernichten und dich für alle Zeit hier gefangen halten.«

Das klang nach einem fairen Deal. Sie hatte die einmalige Chance bekommen, ihre Stadt zu retten. Das war mehr, als sie jemals hätte verlangen können.

»Du hast keine Wahl, Reva. Bitte. Du musst es wenigstens versuchen. Das bist du Silver schuldig«, sagte Mortimer vorsichtig. Reva sah ihm fest in die Augen. »Du sagst, die anderen Götter dürfen nichts davon erfahren? Wie soll ich Toria retten, wenn ich nicht in Toria gesehen werden darf? Hat Vater dafür auch eine Lösung parat?«

Mortimers Gesichtszüge glätteten sich. Seine Augen funkelten. »Na endlich. Dann kommen wir jetzt zum spaßigen Teil.« Er drehte sich auf dem Absatz um und gab ihr ein Zeichen, ihm zu folgen. Reva konzentrierte sich darauf, nicht auf sein nacktes Hinterteil zu starren, das nach 231 Jahren Einsamkeit zugegebenermaßen ein willkommener Anblick war.

Vor dem Wasserfall blieb Mortimer stehen. Er sah Reva kurz an und wackelte mit den Augenbrauen. Dann fuhr er langsam mit der flachen Hand über den Schleier aus Wasser, ohne ihn tatsächlich zu berühren. Im schimmernden Wasserfall tauchte das verzerrte Bild eines kleinen dunkelhaarigen Jungen auf. Er saß auf dem Boden und spielte mit bunten Holzklötzen, die vor ihm ausgebreitet waren. Im nächsten Augenblick hob der Junge den Kopf und sah Reva geradewegs in die Augen. Sie machte einen Schritt zurück, ohne den Blick abwenden zu können. Seine Augen waren so blau wie der Himmel kurz nach Sonnenuntergang. So blau wie ihre eigenen. »Wer ist das?« Ihre Stimme zitterte.

»Meine liebe Reva, darf ich vorstellen? Eines deiner Enkelkinder. Ein besonders prächtig geratenes Exemplar, wenn du mich fragst. Er heißt Logan und ist ein Halbgott. Genau wie einst deine Tochter.«