Autorinnentagebuch #2: Eine Ode ans Schreiben

Inhalt

17. Januar 2026, abnehmender Mond im Steinbock

 Manchmal gehen wir verloren. Dann wissen wir nicht mehr, wer wir eigentlich sind und was wir vom Leben wollen. Dafür wissen wir umso besser, was die Gesellschaft von uns verlangt, was unsere Eltern und Großeltern, Tanten, Onkel und andere Familienmitglieder und Freunde sich für unsere Zukunft ausgedacht haben. Manchmal geben auch Lehrerinnen oder sogar Nachbarinnen ihren Senf dazu.

Alle scheinen besser zu wissen, wohin unser Weg uns führen soll, als wir selbst. Und weil wir nicht enttäuschen wollen, tun wir, was von uns verlangt wird. Wir schreiben gute Noten, sind laut, wenn das von uns verlangt wird und leise, wenn unsere Stimme stört oder die falschen Worte sagt. Wir lieben, so wie „man“ es macht. Wir sehen aus, wie „man“ eben aussieht und hassen uns selbst, wenn wir in einem Lebensbereich nicht der Norm entsprechen.

Doch irgendwann wachen wir auf und merken, dass wir uns verloren haben, vielleicht erst vor kurzem, vielleicht schon vor so langer Zeit, dass wir uns kaum noch erinnern. Das ist der Zeitpunkt, an dem unsere Reise zurück zu uns startet. Oft zögern wir zunächst, die ersten Schritte zu gehen, weil so ein langer Weg vor uns liegt. Aber dann merken wir, dass ein weiterer Urlaub oder ein weiterer Drink das Problem nur kurzfristig betäubt und wir gehen schweren Herzens los.

Wir verlaufen uns, bleiben in Sackgassen stecken, vielleicht werden wir sogar gefangen genommen von inneren oder äußeren Feinden. Krankheiten halten uns auf und wollen uns in die Knie zwingen, doch eines Tages finden wir etwas, das uns den richtigen Weg weist und in dem Moment, in dem wir dieses etwas finden, spüren wir, dass wir die Antwort die ganze Zeit lang im Gepäck hatten. Wir waren nur nicht mutig genug, genauer hinzusehen.

“All art is a kind of confession, more or less oblique. All artists, if they are to survive, are forced, at last, to tell the whole story; to vomit the anguish up.”

– James Baldwin

Eine Geschichte ist niemals nur eine Geschichte. Zwischen den Zeilen schwingen stets ungelebte Träume, ungesagte Geständnisse und Themen mit, die uns unterbewusst beschäftigen. Geschichten zu schreiben bedeutet, sich selbst neu durch die Augen einer fremden Figur kennenzulernen, die uns vielleicht gar nicht so fremd ist, wie wir zunächst glaubten. In jeder Figur schwingt ein Teil von uns mit, der durch unsere Geschichten zum Ausdruck kommen kann. So ist das Schreiben nicht nur ein Hobby oder ein Beruf, sondern ein Akt der Selbstliebe.

Und jede, die ihre Texte veröffentlicht und sich dadurch verletzlich zeigt und angreifbar macht, ist mindestens genauso stark wie all die geschickten Kämpferinnen in unseren Büchern.